cg - Es gibt Tage im Tennis, da fühlt sich schon der Blick aus dem Fenster wie ein schlechter Spielstand an. Dunkle Wolken über Berlin, zwölf Grad am Herrentag und Wetterprognosen, die bereits Tage zuvor nichts Gutes ahnen ließen. Beim LTTC „Rot-Weiß“ hatte man deshalb vorsorglich den Plan B aus der Schublade geholt, denn eines war schnell klar: Auf einen Hallenwechsel musste man vorbereitet sein. Nicht irgendeine Halle, sondern möglichst mit Aschebelag – schließlich stehen die French Open vor der Tür und kaum eine Spielerin möchte wenige Tage vorher plötzlich auf Hartplatz rutschen müssen.
So begann der vierte Spieltag der 1. Bundesliga der Damen gegen Blau-Weiss Dresden-Blasewitz bereits mit Verzögerung, aber zunächst durchaus vielversprechend. Auf den Courts an der Hundekehle schien "Rot-Weiß" erstmals in dieser Saison einen richtig guten Rhythmus zu finden. Iva Krasimirova Ivanova dominierte gegen Jana Kovackova den ersten Satz beinahe nach Belieben und holte ihn sich mit 6:1. Auch Justina Mikulskyte lag in ihrem Match vorne, während Andrea Lázaro García trotz Rückstand keineswegs chancenlos wirkte.
Dann allerdings spielte das Wetter plötzlich seinen ganz eigenen Song. Kein klassischer Regenschauer, sondern eher eine komplette Kapitulation des Himmels. Innerhalb weniger Minuten standen Plätze und Wege unter Wasser, Hagelkörner prasselten herunter und an Tennis war schlicht nicht mehr zu denken. Während andere an Christi Himmelfahrt vielleicht auf dem Fahrrad Richtung Wannsee unterwegs waren, hieß es für beide Teams: Taschen packen, Catering verladen und ab zum Columbiadamm. Die Halle von TiB wurde kurzfristig zur Bundesliga-Bühne.
Und genau dort begann der Spieltag sich zu drehen. Manche Spielerinnen fanden nach dem Ortswechsel sofort wieder Zugriff, andere verloren komplett ihren Rhythmus. Ivanova etwa wirkte draußen noch souverän und klar überlegen – in der Halle dagegen plötzlich deutlich unsicherer. Der zweite Satz ging mit 4:6 verloren, im Match-Tie-Break lief anschließend kaum noch etwas zusammen. Auch Mikulskyte brachte ihre gute Ausgangslage nicht ins Ziel. Nach gewonnenem ersten Satz verlor sie erst den zweiten und anschließend einen dramatischen Match-Tie-Break mit 10:12. Genau solche Momente ziehen sich bislang wie ein roter Faden durch die Saison der Berlinerinnen: Man ist nah dran, teilweise sogar besser im Spiel – aber die entscheidenden Punkte landen zu selten auf der eigenen Seite.
Als dann auch Lázaro García ihr Match verlor, stand es nach den ersten drei Einzeln bereits 0:3. Ein Zwischenstand, der schwer wog. Nicht, weil Dresden-Blasewitz unschlagbar wirkte, sondern weil "Rot-Weiß" genau diese Begegnung eigentlich enger gestalten wollte. Gegen die bisherigen Topteams der Liga zu verlieren, war keine große Überraschung. Gegen Dresden allerdings sollte der Weg aus dem Tabellenkeller beginnen.
Und trotzdem kippte die Stimmung nicht komplett ins Bittere. Vielleicht auch deshalb, weil sich die Mannschaft diesmal sichtbar dagegenstemte. Tamara Zidansek holte gegen Lucie Havlickova den ersten Berliner Punkt des Tages – hart erarbeitet, erst im Match-Tie-Break entschieden. Kein glanzvoller Sieg, aber einer mit Widerstandskraft. Kurz darauf zog Gabriela Andrea Knutson nach und gewann gegen Lia Karatantcheva in zwei engen Sätzen.
Und plötzlich war sie wieder da, diese vorsichtige Hoffnung. Nicht Euphorie – dafür war die Saison bislang zu kompliziert –, aber zumindest das Gefühl, dass hier noch etwas möglich sein könnte. Alle Augen richteten sich nun auf Jenny Duerst. Die Schweizerin, seit Jahren eng mit "Rot-Weiß" verbunden, hatte in den vergangenen Wochen sichtbar mit ihrer Form und ihrer langen Verletzungspause zu kämpfen. Doch diesmal wirkte sie deutlich stabiler. Gegen Rodriguez spielte sie konzentriert, ruhig und konsequent – und brachte "Rot-Weiß" tatsächlich zum 3:3-Ausgleich nach den Einzeln.
Damit war plötzlich alles wieder offen. Und genau hier zeigte sich vielleicht am deutlichsten, wie eng Bundesliga-Tennis sein kann. Stundenlang schien Dresden die Begegnung klar im Griff zu haben – und auf einmal standen beide Teams wieder bei null.
Die Zuschauer bekamen davon allerdings nur noch bedingt etwas mit. Die Hallenspiele liefen praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, viele Fans verfolgten die Begegnung über den Livescore oder versuchten zwischen Wetter-App und DTB-Seite irgendwie den Überblick zu behalten.
Für die Doppel ging es schließlich wieder zurück auf die Außenplätze am Columbiadamm. Eine vernünftige Entscheidung, denn inzwischen war es bereits nach 19:00 Uhr und irgendwie musste dieser Spieltag noch abgeschlossen werden. Sportlich allerdings setzte Dresden nun genau die Duftmarken, die "Rot-Weiß" eigentlich selbst dringend gebraucht hätte. Die Berliner Doppelpaarungen wirkten von Beginn an unter Druck, während Dresden stabil und routiniert spielte. Satz für Satz glitt die Begegnung wieder weg.
Am Ende gingen alle drei Doppel verloren. Ein bitteres 3:6. Wieder kein Befreiungsschlag. Und langsam wird die Lage unbequem. Vier Spieltage, vier Niederlagen – das Tabellenende ist keine Momentaufnahme mehr, sondern Realität.
Trotzdem bringt hektischer Alarmismus jetzt wenig. Die Mannschaft ist neu zusammengestellt, der Teamspirit früherer Jahre entwickelt sich nicht innerhalb weniger Wochen. Genau das sieht man derzeit auf dem Platz: gute Einzelmomente, aber noch zu wenig Selbstverständlichkeit in den entscheidenden Situationen.
Jetzt beginnt allerdings die Phase der Saison, in der gerechnet wird. Nicht mehr nach oben, sondern gegen den Abstieg. Und genau deshalb bekommt das Berliner Derby gegen den TC SCC Berlin am kommenden Samstag eine enorme Bedeutung. Beide Teams stecken unten fest, beide brauchen dringend Punkte und beide wissen, dass sich solche Spiele oft nicht nur über Tennis entscheiden, sondern über Nerven, Energie und Unterstützung von außen.
Deshalb gilt diesmal tatsächlich: Smartphone weglegen, Livescore schließen und an den Platz kommen. Denn wenn "Rot-Weiß" den Weg aus dem Tabellenkeller schaffen will, dann braucht diese Mannschaft jetzt vor allem eines – Menschen, die hinter ihr stehen, auch wenn gerade nicht alles glänzt.
16. Mai 2026, ab 11:00 Uhr

















