Zwischen Druck und Derbyjubel – "Rot-Weiß" liefert ab

cg - Manchmal braucht eine Saison genau so einen Tag. Kein perfektes Tennisfest mit Champagnerstimmung und Meisterschaftsgerede, sondern einfach einen ehrlichen, wichtigen Sieg zur richtigen Zeit. Und genau das war dieses Berlin-Derby in der 1. Bundesliga der Damen zwischen dem LTTC „Rot-Weiß“ und dem TC SCC Berlin. Zwei Traditionsclubs, nur wenige Minuten voneinander entfernt, beide tief unten in der Tabelle festhängend und beide mit dem klaren Wissen: Wer heute verliert, macht sich die kommenden Wochen deutlich komplizierter.

Es war also kein Derby für die Galerie, sondern eines mit echtem Druck. Während anderswo über Titel gesprochen wird, ging es hier um etwas deutlich Bodenständigeres – den Kampf gegen den Abstieg. Und genau deshalb entwickelte dieser Spieltag eine ganz eigene Spannung.

Schon vor dem ersten Ballwechsel lagen die üblichen Diskussionen über der Anlage wie ein leichter Schleier. Deutsche Spielerinnen, internationale Verstärkungen, Nachwuchsarbeit, Kaderpolitik – Themen, die im Damen-Bundesliga-Tennis regelmäßig hochkochen. Beim SCC standen viele deutsche Spielerinnen auf dem Platz, bei "Rot-Weiß" dominierte erneut die internationale Mischung. Aber spätestens mit Beginn der Matches interessierte das niemanden mehr wirklich. Denn plötzlich zählte nur noch Tennis. Und Punkte. Vor allem Punkte.

Und die sammelte "Rot-Weiß" diesmal überraschend konsequent ein.

Der Auftakt in den ersten drei Einzeln war beinahe schon ungewohnt stabil. Caroline Werner ließ gegen Iva Primorac wenig anbrennen und gewann klar mit 6:3, 6:1. Auch Jasmijn Gimbrere wirkte deutlich gefestigter als in den vergangenen Wochen. Gegen Sonja Zhenikhova spielte sie konzentriert und kontrolliert – kein Spektakel, aber genau die Art von Match, die "Rot-Weiß" zuletzt viel zu selten ins Ziel gebracht hatte.

Und dann war da wieder Iva Krasimirova Ivanova. Im ersten Satz gegen Julia Zhu noch leicht wacklig, vielleicht auch etwas zu ungeduldig, aber nach dem 7:5 plötzlich komplett im Match angekommen. Der zweite Satz wurde mit 6:0 beinahe im Schnelldurchlauf abgewickelt. Drei Einzel, drei Siege – und plötzlich wirkte die Saison für einen kurzen Moment wieder deutlich freundlicher.

Überhaupt erinnerte vieles an diesem Tag an jene Phase aus 2024, als bei "Rot-Weiß" fast alles funktionierte und am Ende überraschend die deutsche Vizemeisterschaft herausgesprungen war. Noch ist die aktuelle Mannschaft längst nicht so eingespielt, noch fehlt hier und da dieser klare gemeinsame Rhythmus – aber erstmals seit Wochen war so etwas wie Selbstvertrauen zu erkennen.

Auch Gabriela Andrea Knutson lieferte an Position eins genau das ab, was "Rot-Weiß" dringend brauchte. Gegen Miriana Ton gewann sie mit 6:3, 6:3 und brachte Berlin damit bereits auf 4:0 nach Matches. Eine Ausgangslage, die vor wenigen Tagen noch kaum vorstellbar gewesen wäre.

Und trotzdem gehörte einer anderen Spielerin einer der größten Momente des Tages – obwohl sie für den SCC spielte.

Denn als Justina Mikulskyte auf die erst 15-jährige Ida Wobker traf, richteten sich plötzlich viele Blicke auf den Nebenplatz. Wobker gilt als eines der größten deutschen Nachwuchstalente, und nach diesem Match wusste auch der Letzte warum. Mit welcher Ruhe, welcher Leichtigkeit und gleichzeitig welcher Geschwindigkeit sie spielt, ist beeindruckend. Da wird nicht einfach nur draufgeschlagen – da wird gedacht, vorbereitet, beschleunigt. Mikulskyte hatte praktisch keine Antworten und verlor klar mit 0:6, 3:6. Es war eines dieser Matches, bei denen man als Zuschauer spürt, dass hier etwas Größeres entstehen könnte.

Doch obwohl der SCC durch Wobker noch einmal verkürzte, blieb "Rot-Weiß" klar vorne. Und so rückte schließlich das letzte Einzel des Tages in den Mittelpunkt – Jenny Duerst gegen Helena Buchwald.

Und dieses Match hatte wirklich alles. Lange Rallyes, ständige Richtungswechsel, intensive Laufarbeit und zwei Spielerinnen, die sichtbar verstanden hatten, wie wichtig dieser Punkt werden könnte. Duerst gewann den ersten Satz mit 6:4, doch im zweiten wurde es dramatisch. Buchwald kämpfte sich zurück, beide schenkten sich nichts mehr. Immer wieder kippten Spiele, immer wieder musste neu begonnen werden. Für die Zuschauer war das großes Bundesliga-Tennis, für die Spielerinnen vermutlich eine Mischung aus Fitnessprogramm und Nerventest.

Am Ende hielt Duerst stand. 7:5 im zweiten Satz, Arme hoch, Erleichterung pur. Und mit diesem Sieg stand fest: "Rot-Weiß" hatte den Spieltag bereits nach den Einzeln gewonnen.

Das allein sorgte schon für spürbar gelöste Stimmung. Nicht euphorisch, dafür ist die Tabellensituation noch zu heikel. Aber eben erleichtert. Denn dieser Sieg war mehr als nur ein Erfolg im Derby – er war vor allem ein Lebenszeichen im Abstiegskampf.

Die Doppel wurden anschließend fast schon mit etwas mehr Leichtigkeit gespielt. Werner und Ivanova gewannen nach Match-Tie-Break gegen Ton/Primorac, während Mikulskyte und Gimbrere gegen das starke SCC-Doppel Wobker/Buchwald unterlagen. Besonders erfreulich aus Berliner Sicht: Jessy Aney war endlich in Berlin angekommen und überzeugte gemeinsam mit Lena Papadakis mit einem starken Auftritt. Nach engem ersten Satz wurde das Match gegen Zhenikhova/Zhu im zweiten Durchgang regelrecht zugedreht.

Endstand: 7:2 für "Rot-Weiß". Ein Ergebnis, das vor wenigen Tagen kaum jemand erwartet hätte.

Und trotzdem bleibt die Realität klar. Ein Sieg allein löst die Probleme dieser Saison nicht. Der LTTC rückt zwar auf Platz sieben vor, doch der Kampf um den Klassenerhalt bleibt eng und kompliziert. Matchpunkte, Sätze und Spiele könnten am Ende entscheidend werden. Genau deshalb war dieses deutliche Ergebnis so wichtig.

Jetzt bleiben nur noch zwei Spieltage. Heidelberg. Hamburg. Keine Selbstläufer, ganz sicher nicht. Aber nach diesem Derby zumindest wieder mit etwas mehr Hoffnung.

Und vielleicht war genau das das Wichtigste an diesem Tag: "Rot-Weiß" wirkte erstmals nicht mehr wie ein Team, das nur reagiert. Sondern wie eines, das verstanden hat, worum es jetzt geht.

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