cg - Es gibt Spieltage, die bleiben in Erinnerung, ganz gleich, wie sie ausgehen. Dieser vierte Spieltag der 2. Bundesliga Nord gehörte dazu. Nur wenige Straßenzüge trennen den LTTC „Rot-Weiß“ und den TC 1899 Blau-Weiss voneinander. Man kennt sich seit vielen Jahren, begegnet sich mit großem Respekt und pflegt eine freundschaftliche Verbindung. Für ein paar Stunden trat all das jedoch in den Hintergrund. Es war Derbyzeit.
Schon lange vor dem ersten Aufschlag lag eine besondere Stimmung über der Anlage in der Waldmeisterstraße. Rund 650 Zuschauer verwandelten das Vereinsgelände in einen Treffpunkt der Berliner Tennisszene. Überall wurden Hände geschüttelt, alte Weggefährten begrüßt, gefachsimpelt und gelacht. Und mittendrin sechs Einzel, die von Beginn an zeigten, weshalb die 2. Bundesliga derzeit zu den attraktivsten Ligen des deutschen Tennissports gehört.
Den Auftakt machte Robert Strombachs gegen Alex Rybakov. Es entwickelte sich sofort ein intensives Duell mit langen Ballwechseln und kaum einem geschenkten Punkt. Der erste Satz musste folgerichtig im Tie-Break entschieden werden. Dort hatte Rybakov das bessere Ende für sich. Im zweiten Satz fand Strombachs nicht mehr den nötigen Zugriff auf das Spiel. Blau-Weiss ging mit 7:6(3), 6:1 in Führung. Ein erster Dämpfer für die Gäste.
Nicht besser lief es für Alvaro Lopez San Martin gegen Mariano Dedura-Palomero. Der junge Blau-Weisse spielte in beeindruckender Verfassung, nahm nahezu jeden Ball früh und diktierte das Tempo. Immer wieder hallten spanische Flüche über den Platz, weil Lopez San Martin Lösungen suchte, aber kaum welche fand. Manchmal muss man die Leistung des Gegners einfach anerkennen. Dedura-Palomero spielte an diesem Nachmittag nahezu fehlerfrei und gewann verdient mit 6:2, 6:4.
Der LTTC brauchte nun ein Zeichen. Und das setzte Oleksii Krutykh.
Gegen den Griechen Aristoteles Thanos spielte der Ukrainer äußerst konzentriert und ließ seinem Gegner beim 6:2, 6:2 kaum Luft zum Atmen. Es war der erste Berliner Punkt und gleichzeitig ein wichtiger Impuls für die Mannschaft.
Viele Blicke richteten sich anschließend auf Platz eins. Nino Ehrenschneider gegen Rudolf Molleker lautete die Paarung, auf die sich viele Tennisfreunde besonders gefreut hatten. Molleker, der vor einigen Jahren noch für den LTTC „Rot-Weiß“ aufschlug und heute das Trikot des TC 1899 Blau-Weiss trägt, zeigte einmal mehr, welch enormes Potenzial noch immer in ihm steckt. Bei vielen langjährigen "rot-weißen" wurde dabei die Erinnerung an das viel zu früh verstorbene Ehrenmitglied Bernd Warneck wach. Er war über viele Jahre einer der engagiertesten Förderer Mollekers und hätte dieses Wiedersehen mit einem stolzen Lächeln verfolgt. Was anschließend auf dem Platz geboten wurde, war Tennis auf höchstem Niveau und eines Berlin-Derbys mehr als würdig.
Molleker gewann den ersten Satz mit 6:3. Ehrenschneider aber zeigte einmal mehr, weshalb er in dieser Saison zu den positiven Überraschungen des LTTC gehört. Er steigerte sich deutlich, wurde mutiger und glich mit 6:3 aus.
Und da war es wieder.
Das Match-Tie-Break-Monster.
Langsam entwickelt sich dieser Begriff tatsächlich zu einem festen Begleiter der Saison. Schon in Oldenburg kostete es "Rot-Weiß" mehrere Matchpunkte. Gegen Suchsdorf wurde das Monster erstmals gezähmt. Nun stand es erneut auf dem Platz.
Ehrenschneider kämpfte leidenschaftlich, wehrte sich gegen jeden Ball und brachte die Zuschauer immer wieder zum Applaudieren. Doch am Ende schlug das Match-Tie-Break-Monster wieder zu. Molleker gewann hauchdünn mit 11:9. Eine Niederlage, die sich fast wie ein Sieg anfühlte, weil beide Spieler Tennis auf außergewöhnlich hohem Niveau zeigten.
Timo Stodder blieb dagegen einmal mehr die verlässliche Konstante im Berliner Team. Ruhig, fokussiert und mit beeindruckender Sicherheit gewann er sein Einzel mit 6:3, 6:3. Es war der zweite Punkt für den LTTC und einmal mehr der Beweis, weshalb auf Stodder nahezu immer Verlass ist.
Währenddessen entwickelte sich auf Platz B ein weiteres Spitzenspiel. Oriol Roca-Batalla traf auf Juan Bautista Torres. Als das Match zwischen Ehrenschneider und Molleker beendet war, wechselten zahlreiche Zuschauer hinüber auf den kleineren Court. Dort wurde inzwischen um jeden Ball gefightet.
Roca-Batalla gewann den ersten Satz mit 6:3 und schien die Partie zunächst gut im Griff zu haben. Doch Juan Bautista Torres kämpfte sich eindrucksvoll zurück, entschied den zweiten Durchgang im Tie-Break für sich und zwang auch dieses Match in die Entscheidung. Natürlich tauchte damit wieder das Match-Tie-Break-Monster auf. Diesmal schien Roca-Batalla den Spuk endlich zu vertreiben. Beim Stand von 7:1 sprach nahezu alles für den "Rot-Weiß" Spieler. Doch plötzlich riss der Faden. Torres spielte mutiger, Punkt für Punkt schmolz der Vorsprung dahin und ehe sich die Zuschauer versahen, war das Match gekippt. 12:10 für den Argentinier. Sprachlose Gesichter auf der einen Seite, grenzenloser Jubel auf der anderen. Nach den Einzeln führte Blau-Weiss damit 4:2.
Die Ausgangslage war nun eindeutig. Den Gastgebern fehlte nur noch ein Doppelsieg zum Gesamterfolg, während der LTTC „Rot-Weiß“ alle drei Doppel gewinnen musste. Während der Pause wurde gerechnet, diskutiert und taktiert. Die Paarungen wurden eingetragen, Spieler dehnten sich noch einmal oder füllten ihre Energiespeicher auf. Oriol Roca-Batalla griff sogar zur Salzmühle am Spielerbuffet und gab etwas Natriumchlorid in seine Trinkflasche. Eine kleine Szene am Rande, die zeigte, wie akribisch in einer solch engen Bundesliga-Begegnung selbst auf die kleinsten Details geachtet wird.
Was anschließend folgte, war der vielleicht spektakulärste Abschnitt dieses Berlin-Derbys. Es fühlte sich an wie eine Reihe fallender Dominosteine. Zunächst gewannen Roca-Batalla und Lopez San Martin ihr Doppel souverän mit 6:3, 6:3. Nur wenig später legten Ehrenschneider und Krutykh nach und stellten mit einem 6:3, 7:5 tatsächlich auf 4:4. Plötzlich war alles wieder offen. Sämtliche Blicke richteten sich nun auf das letzte verbliebene Doppel zwischen Robert Strombachs und Timo Stodder sowie Juan Bautista Torres und Aristoteles Thanos. Der erste Satz ging mit 6:3 an den LTTC „Rot-Weiß“, die Hoffnung wuchs mit jedem Ballwechsel und immer mehr Zuschauer drängten sich zwischen den Plätzen. Die Atmosphäre wurde von Minute zu Minute dichter und machte dieses letzte Match zum würdigen Höhepunkt eines großartigen Tennisnachmittags.
Doch Blau-Weiss fand noch einmal eine Antwort. Der zweite Satz ging an die Gastgeber und damit war es erneut da, das Match-Tie-Break-Monster. Diesmal ließ es "Rot-Weiß" keine Chance. Zu viele Bälle landeten nun knapp hinter der Grundlinie, während Blau-Weiss in den entscheidenden Momenten kühlen Kopf bewahrte. Mit 10:3 sicherten sich Torres und Thanos den entscheidenden Punkt zum 5:4-Endstand.
Natürlich war die Enttäuschung beim LTTC groß. Nach dieser beeindruckenden Aufholjagd schien das Wunder zum Greifen nah. Umso schmerzhafter fühlte sich der letzte Ballwechsel an.
Dennoch gehört zur Wahrheit dieses Tages auch, dass der TC 1899 Blau-Weiss ausgezeichnetes Tennis spielte und sich diesen Derbysieg verdiente. Beide Mannschaften lieferten Werbung für den Tennissport, für die 2. Bundesliga und für die Berliner Tennis-Community. Es war einer dieser Nachmittage, an denen das Ergebnis zwar zählt, das Erlebnis aber mindestens genauso lange in Erinnerung bleibt.
In der Tabelle rückt der TC 1899 Blau-Weiss auf Platz drei vor. Direkt dahinter folgt der LTTC „Rot-Weiß“. Die Spitzengruppe der Liga liegt weiterhin eng beieinander und verspricht für die kommenden Wochen Hochspannung.
Lange Zeit zum Nachdenken bleibt ohnehin nicht. Bereits am Samstag steht an der Hundekehle die nächste Trainingseinheit auf dem Programm, bevor am Sonntag, dem 26. Juli 2026, ab 11:00 Uhr der HTC Blau-Weiß Krefeld zum nächsten Heimspiel in Berlin gastiert.
Wenn dieses Derby eines eindrucksvoll bewiesen hat, dann dies: Diese Mannschaft gibt sich niemals auf. Genau deshalb lohnt es sich, am Sonntag wieder an die Hundekehle zu kommen. Planen Sie Ihr Frühstück in aller Ruhe, nehmen Sie anschließend am Spielfeldrand Platz und unterstützen Sie unsere Herren. Nach diesem heutigen Berliner Tennisfest haben sie jede Unterstützung verdient.

















