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Krefelder Fanpower trifft Berliner Kampfgeist

cg - Pünktlich um 11:00 Uhr war die Hundekehle bereit für den fünften Spieltag der 2. Bundesliga Nord. Nur bei der Verteilung der Zuschauer hätte man zunächst meinen können, der HTC Blau-Weiß Krefeld hätte vorsichtshalber einen Reisebus mehr nach Berlin geschickt. Während sich die Reihen der heimischen Fans erst langsam füllten, waren die Gäste aus Nordrhein-Westfalen längst akustisch angekommen. „Blau-Weiß, Krefeld“ hallte über die Anlage, anfangs kräftig, später sehr kräftig und bei wichtigen Punkten in einer Lautstärke, die selbst auf den hinteren Plätzen kaum zu überhören war.

Wer Bundesliga-Tennis in Krefeld kennt, dürfte davon wenig überrascht gewesen sein. Der HTC Blau-Weiß gehört zu den Gründungsmitgliedern der Tennis-Bundesliga, und seine Fans tragen diese Tradition mit bemerkenswerter Leidenschaft. Sie reisen mit, sie fiebern mit und sie machen aus einem Auswärtsspiel gern ein kleines Heimspiel. Genau diese Stimmung sollte an diesem Sonntag noch eine wichtige Rolle spielen.

Sportlich setzte zunächst Oriol Roca-Batalla das erste Ausrufezeichen. Gegen Alejandro Moro Canas präsentierte er sich deutlich souveräner als noch beim Berlin-Derby zwei Tage zuvor. Von Beginn an bestimmte er die Richtung, ließ seinem Gegner kaum Möglichkeiten, selbst ins Spiel zu finden und holte mit einem beeindruckenden 6:0, 6:2 den ersten Matchpunkt für „Rot-Weiß“. Ein Auftritt, der kaum Fragen offenließ.

Nino Ehrenschneider hatte Antoine Escoffier im ersten Satz ebenfalls gut im Griff und sicherte sich diesen mit 6:4. Im zweiten Durchgang wurde die Partie enger, gleichzeitig erhöhte sich von außen die Schlagzahl der Krefelder Unterstützung. Escoffier fand besser ins Match und erzwang den Satzausgleich. Also musste jene Disziplin entscheiden, mit der die Berliner in dieser Saison inzwischen eine ausgesprochen wechselhafte Beziehung pflegen: der Match-Tie-Break. Das Match-Tie-Break-Monster ließ sich diesmal allerdings nicht blicken. Ehrenschneider blieb konzentriert, gewann mit 10:5 und brachte den zweiten Punkt auf das Berliner Konto.

Robert Strombachs wiederum machte aus seinem Einzel eine Angelegenheit für Freunde enger Spielstände. Beide Sätze gingen bis in den Tie-Break, beide Male behielt Strombachs die Oberhand. Es war eines dieser Matches, bei denen kaum Luft zwischen die Kontrahenten passt und am Ende die Fähigkeit entscheidet, gerade dann sauber zu spielen, wenn jeder einzelne Punkt ein wenig schwerer wiegt.

Auf einem anderen Platz rückte das Ergebnis plötzlich in den Hintergrund. Timo Stodder hatte den ersten Satz gegen Giovanni Fonio mit 4:6 verloren, als seine Partnerin als Zuschauerin am Spielfeldrand zu Beginn des zweiten Satzes medizinische Hilfe benötigte. Das Match wurde unterbrochen, wenig später standen Rettungswagen und Notarzt mit Blaulicht unmittelbar an den Courts. Mehr gehört an dieser Stelle nicht in einen Spielbericht. Wohl aber die Szene, die schließlich für Erleichterung sorgte: zwei erhobene Daumen vom Spielfeldrand. Das Signal, dass Stodder den Fokus wieder auf Tennis richten konnte.

Wie schwer es sein muss, nach einer solchen Situation den Kopf wieder freizubekommen, lässt sich von außen kaum beurteilen. Stodder gelang es. Er kam zurück auf den Platz, fand wieder in sein Spiel und drehte den zweiten Satz mit 6:4 komplett zu seinen Gunsten. Dann kroch es allerdings erneut hervor, das Match-Tie-Break-Monster. Begleitet von immer lauteren Krefelder Sprechchören entwickelte sich eine enge Entscheidung, die Fonio schließlich mit 11:9 gewann. Unter diesen Umständen war das Resultat fast nur noch die Fußnote eines bemerkenswerten Matches.

Hynek Barton musste sich Stefano Travaglia mit 6:3, 3:6, 5:10 geschlagen geben. Oleksii Krutykh fand gegen Giovanni Oradini nicht ausreichend Zugriff auf die Partie und verlor mit 2:6, 2:6. Damit war klar, dass auch dieser Bundesliga-Sonntag seine Entscheidung erst in den Doppeln finden würde.

Nach einer guten halben Stunde Pause kamen die Mannschaften zurück auf die Plätze. Auch die Krefelder Fans waren bestens vorbereitet. Die eine oder andere „Apfelschorle“ hatte inzwischen offenbar zusätzlich für gut geölte Stimmbänder gesorgt, jedenfalls wurden die Schlachtrufe nicht leiser. Im Gegenteil.

Robert Strombachs und Timo Stodder trafen auf das italienische Duo Giovanni Oradini und Giovanni Fonio. Nach 4:6 und 6:4 musste auch dieses Match in den entscheidenden Match-Tie-Break. Wieder war alles möglich, wieder stand die Begegnung auf Messers Schneide und wieder trugen die Krefelder Fans ihre Mannschaft lautstark durch jeden einzelnen Punkt. Beim Matchball gegen Berlin passierte Strombachs schließlich ausgerechnet das, was in einem solchen Moment niemand gebrauchen kann. Doppelfehler. Match verloren, Punkt für Krefeld.

Zwischenstand 3:4.

Inzwischen hatte sich auch das Wetter in die Dramaturgie eingemischt. Nieselregen lag über der Hundekehle, Zuschauer suchten Schutz im Clubhaus oder rückten unter den Sonnenschirmen zusammen. Auf den Courts wurde weitergespielt. Solange die Spieler keine Unterbrechung verlangten, bestand für Oberschiedsrichterin Anja Kühne kein Anlass, die Begegnungen zu stoppen.

Und so spielte sich das spanische Berliner Doppel Oriol Roca-Batalla und Alvaro Lopez San Martin durch den Regen. Gegen Travaglia und Moro Canas mussten sie im ersten Satz bis in den Tie-Break, entschieden diesen mit 7:6(2) für sich und ließen anschließend beim 6:1 keine Zweifel mehr aufkommen.

4:4.

Damit hing ein kompletter Bundesligaspieltag plötzlich an einem einzigen Doppel. Nino Ehrenschneider und Oleksii Krutykh gegen Sascha Gueymard Wayenburg und Antoine Escoffier. Der erste Satz ging mit 4:6 an die Franzosen. Vielleicht hatten die Berliner den Beginn ein wenig verschlafen, vielleicht brauchten sie einfach Zeit, um in dieses Match hineinzufinden. Im zweiten Satz waren sie jedenfalls da. Mit 6:3 holten sie die Partie zurück und zwangen auch dieses Doppel in den Match-Tie-Break.

Natürlich.

An diesem Nachmittag konnte es kaum anders enden.

Diesmal erschien das Match-Tie-Break-Monster nicht heimlich, sondern mit großem Getöse. Die Krefelder Anhänger hatten längst noch einmal eine Schippe draufgelegt, während nun auch die Berliner Zuschauer ihre Mannschaft zunehmend lautstark unterstützten. „Rot-Weiß, Berlin“ kam zunächst etwas zögerlich, dann immer entschlossener von den Rängen zurück. Zwei Fanlager, vier Spieler und zehn Punkte, die längst nicht reichen sollten.

Beim Stand von 7:9 hatten die Krefelder ihren ersten Matchball. Abgewehrt. 8:9, der nächste. Wieder abgewehrt. 9:9. Dann 9:10, erneut Matchball Krefeld. 10:10. Es folgten 10:11, 11:11 und schließlich 11:12. Viermal hatten Ehrenschneider und Krutykh zu diesem Zeitpunkt bereits verhindert, dass die Gäste jubeln konnten. Auch diesen Matchball wehrten sie zunächst ab, doch Krefeld bekam die nächste Gelegenheit. Beim fünften Anlauf war Schluss.

11:13.

Für einen Moment entlud sich all die Spannung, die sich über Stunden aufgebaut hatte. Auf der einen Seite der Jubel eines Krefelder Teams und seiner Fans, die ihre Spieler an diesem Nachmittag tatsächlich ein Stück weit zum Sieg getragen hatten. Auf der anderen Seite die Enttäuschung einer Berliner Mannschaft, die wieder einmal nur wenige Punkte von einem ganz anderen Ergebnis entfernt gewesen war.

4:5. Schon wieder.

Es ist ein Ergebnis, das sich bitter liest, gerade weil „Rot-Weiß“ erneut keineswegs weit entfernt war. Vielmehr entwickelt sich diese Saison zu einer erstaunlichen Sammlung hauchdünner Entscheidungen. Mehr als zehn Match-Tie-Breaks gingen inzwischen verloren. Oriol Roca-Batalla brachte es nach der Begegnung bemerkenswert gelassen auf den Punkt: „Wir verlieren nicht leicht. Würden wir leicht verlieren, hätten wir ein Problem.“

Vielleicht beschreibt kaum ein Satz diesen bisherigen Saisonverlauf besser. Die Mannschaft ist konkurrenzfähig, sie kämpft, sie bleibt in den Begegnungen und sie zwingt ihre Gegner immer wieder bis in die letzten Punkte. Nur die Bilanz dieser letzten Punkte darf sich aus Berliner Sicht langsam etwas freundlicher entwickeln.

Zeit, lange über das 4:5 nachzudenken, bleibt ohnehin nicht. Bereits am kommenden Freitag wartet auswärts der Rochusclub, am Sonntag geht es weiter nach Aachen. Danach kehrt die Mannschaft wieder an die Hundekehle zurück. Am Freitag, dem 7. August 2026, steht ab 13:00 Uhr gegen den TC GW Nikolassee das nächste kleine Berlin-Derby auf dem Programm.

Vier Spieltage bleiben. Vier Gelegenheiten, Punkte zu sammeln und sich einen sicheren Platz in der 2. Bundesliga Nord zu erarbeiten. Und vielleicht wäre jetzt genau der richtige Zeitpunkt, dem Match-Tie-Break-Monster endgültig zu zeigen, wer an der Hundekehle zu Hause ist.

Wer unterdessen die Atmosphäre des jüngsten Berlin-Derbys gegen den TC 1899 Blau-Weiss noch einmal erleben möchte, dem sei die Videozusammenfassung von Hauptstadtsport.TV empfohlen. Denn nach diesem intensiven Sonntag gegen Krefeld steht eines fest: Bundesliga-Tennis an der Hundekehle erzählt derzeit Geschichten, für die ein Livescore allein einfach nicht ausreicht.

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